Von Giselstein nach Gerdingen
Der lange Weg zu meiner Modellbahn in Spur N

von Gerhard Küper

Wann und wo ich mich mit dem Bazillus "Eisenbahn" infiziert habe, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls ist das schon sehr lange her. Ich kann mich noch erinnern, daß meine Tanten eine Wohnung (noch mit Gasbeleuchtung!) auf der Märkischen Straße in Essen, direkt gegenüber dem Güter- und Rangierbahnhof hatten. Sie wohnten in einem der oberen Stockwerke, womit ich die Möglichkeit hatte, direkt auf den Eisenbahnbetrieb hinunter zu schauen. Damit wurde auch der langweiligste Tantenbesuch zum Erlebnis.
Anfang 1931 absolvierte der von dem Ingenieur Franz Kruckenberg konstruierte Leichttriebwagen, der sog. "Schienenzeppelin", seine Versuchs- und Rekordfahrten. Angetrieben wurde der Schienenzeppelin durch einen BMW-Flugmotor mit einem 4-Blatt-Propeller. Im Juni 1931 wurde darauf hin das Fahrzeug in den Großstädten des Ruhrgebietes der Öffentlichkeit vorgestellt, bevor er auf einen normalen Antrieb umgebaut wurde, da die deutsche Reichsbahn den Propellerantrieb ablehnte.
Aus Anlaß der Vorstellung des Schienenzeppelins in Essen machten mein Vater und ich einen Ausflug zum Hauptbahnhof. Dieser Besuch hat mich offensichtlich stark beeindruckt und ist mir trotz meines Alters von nur 4 Jahren bis heute gut in Erinnerung geblieben. Ich hatte allerdings nie den Wunsch, Lokomotivführer zu werden. Ich wollte immer höher hinaus: ich wollte fliegen lernen



Einige Jahre später (1937) wünschten mein jüngerer Bruder und ich uns eine elektrische Eisenbahn zu Weihnachten. Es sollte eine TRIX-Express im Maßstab 1:90 sein. Diese Angaben hatten wir unter anderem aus einem für damalige Verhältnisse sehr umfangreichen und interessanten Begleitbuch. Die Erfüllung dieses Wunsches wurde allerdings von dem Zustand der Weihnachtszeugnisse abhängig gemacht. Diese waren in dem Jahr alles andere als beschenkenswert. Unser Vater, der viel unterwegs war und erst kurz vor Weihnachten nach Hause kam, hatte alles andere im Kopf als Weihnachtszeugnisse zu kontrollieren, und so ging unser Wunsch trotz denkbar schlechter Voraussetzung in Erfüllung. Wir spielten also Weihnachten zusammen mit unserem Vater mit der Eisenbahn.
Dies ging so lange gut, bis unsere Verwandten zu Besuch kamen. Eine unserer Tanten war "amtierende" Lehrerin und fragte nach den Zeugnissen der lieben Jungen. Das darauf folgende Donnerwetter von unserem Vater war enorm. Da er aber selbst viel zu gerne mit der Eisenbahn spielte, wurde glücklicherweise der Bahnbetrieb nicht stillgelegt.
Der Ärger war schnell vergessen und die Anlage wuchs mit der Zeit schnell an.
Eine der Loks hatten mein Bruder und ich selbst zusammen gespart. Als wir die erforderlichen Reichsmark (8,50 RM !!!) zusammen hatten, machten wir einen Fußmarsch von ca. je 1,5 Stunden in die Stadt und wieder zurück, um das Fahrgeld zu sparen. (Dies betrug zu dieser Zeit 0,20 pro Fahrt!)
Wir kauften uns eine Tenderlok, nach heutigen Maßstäben weit entfernt von einem naturgetreuen Modell.
Besonders geschmückt war diese Lok durch zwei Schraubhülsen, die die Kohlebürsten des Motors enthielten. Mit der Zeit wurden Weichen, Kreuzungen und Schienen angeschafft, und aus dem anfänglichen Oval wurde langsam eine ansehnliche Anlage. Auch die Anzahl der Loks und Wagen wuchs langsam an. Ich habe noch gut in Erinnerung, daß ich von meinem Vater ein sehr schönes Modell eines Triebwagens, eines VT 137, geschenkt bekam. Inzwischen war die Anlage fest auf einem Brett montiert. Wegen des Krieges war aber leider bald Schluß mit dem schönen Spiel, da die Reserven an Kohlebürsten bald aufgebraucht waren und es keinen Ersatz zu kaufen gab. Nach dem Krieg mußten wir die Anlage aus verständlichen Gründen gegen Lebensmittel eintauschen.

Als 1950 die damals schon existierende Deutsche Bundesbahn die Baureihe 23 bauen ließ und auch MÄRKLIN diese Lok sogleich als Modell auf den Markt brachte, brach der Eisenbahnbazillus in mir wieder aus, und ich mußte mir dieses Modell und (zunächst) eine einzelne Schiene kaufen. Dies war der Keim zu einem neuen Eisenbahnfieber. Es folgte ein Brett, auf dem eine Anlage stationär aufgebaut wurde. Was mich allerdings störte war der Wechselstromantrieb. Ich baute also alle Modelle auf Gleichstrombetrieb um. Dann störte mich der Mittelleiter in den Schienen, der wenig naturgetreu war. Als ich dann auch noch Unterlagen über Selbstbaugleise von Nemec, die für damalige Verhältnisse ungewöhnlich naturgetreu aussahen, in die Hände bekam, fing ich an Gleise und Weichen selbst zu bauen, was allerdings praktisch nur ohne Mittelleiter möglich war. Also baute ich alle Modelle nicht nur für Gleich-strombetrieb um, sondern auch noch für 2-Leiterbetrieb. Im Zuge dieser Arbeiten baute ich auch nach einer MIBA-Bauanleitung ein Modell einer V200. Im Laufe der Zeit entstand so eine sehr umfangreiche H0-Anlage, die in einem Kellerraum fest eingebaut war. Erst im Jahre 1965 mußte die Anlage aus familiären Platzgründen schweren Herzens demontiert und verkauft werden. Aber der Eisenbahnbazillus ließ mich nicht ruhen. Ich kaufte mir sofort von dem Erlös neue Modelle und Zubehör für eine Anlage in Spur N

Nach mehreren Versuchen mit verschiedenen Gleissystemen, vor allem mit "MINITRIX", bin ich dann zu dem Fleischmann-System mit dem fertigen Schotterbett gekommen. Ich hatte versucht "MINITRIX"- Gleise und Weichen einzuschottern und mir dabei die Weichen restlos verklebt, so daß die Lösung mit dem Fleischmann-Gleissystem einige Erleichterungen brachte. Es entstanden eine Reihe von Plänen und Versuchsaufbauten, mit denen ich auch noch zwei mal umgezogen bin. Aus diesen Plänen ging letztlich die vorhandene Anlage hervor. Zuletzt hatte ich angefangen, eine Modellanlage in Spur N in einem kleineren Kellerraum aufzubauen. Auch hierbei machte ich wieder gravierende Fehler beim Aufbau, z.B. hatte ich hinter einem langen Gefälle eine fast 180°-Kehre mit dem kleinsten Radius angelegt, mit dem Ergebnis, daß schon relativ kurze Güterzüge grundsätzlich in dieser Kehre aus dem Gleis kippten.

Ich mußte alles noch einmal von vorne anfangen. Zu diesem Zeitpunkt ergab es sich, daß mir ein deutlich größerer Kellerraum zur Verfügung stand. Ich konnte nun nach Herzenslust planen, weil ich genügend Platz hatte. Die Planungen begannen im November 1986. Zu dieser Zeit war ich jedoch von meiner Segelfliegerei noch sehr stark in Anspruch genommen, so daß ich während der Sommermonate besonders an den Wochenenden , für die Modellbahn kaum Zeit hatte. Dies änderte sich jedoch mit einem Schlag, als ich mich einer Herzoperation unterziehen mußte und ich damit die Fliegerei schweren Herzens aufgeben mußte. Ich stürzte mich in den Aufbau meiner neuen Anlage. Der Bahnhof war allerdings schon mehr oder weniger fertig.
Unmittelbar nach dem Umzug der verwertbaren Teile der N-Anlage in den endgültigen Modellbahnraum.
Unmittelbar nach dem Umzug der verwertbaren Teile der N-Anlage in den endgültigen Modellbahnraum. Das Steuerpult und der Elektronikschrank sind noch nicht verdrahtet.

Ich nahm mir vor, die Steuerung und Bedienung dieses Bahnhofes den Sicherheitsverhältnissen und Steuerungen der Bundesbahn nachzuahmen.